Wiener Kaffeehäuser in der Kunst des 19. Jahrhunderts

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Kurz vorab:

Der Text zeigt, wie Wiener Kaffeehäuser im 19. Jahrhundert zu wichtigen Inspirationsorten für Künstler wurden. Zwischen bürgerlicher Lebenswelt, intellektueller Bohème und symbolischen Darstellungen entwickelten Maler neue Sichtweisen auf Alltag, Gesellschaft und Moderne – festgehalten in atmosphärisch dichten Café-Szenen.

Im Wien des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Kaffeehaus zu einem kulturellen Mikrokosmos. Es war mehr als ein Ort, um Bohnenaufguss zu genießen – es war ein Treffpunkt für Literaten, Künstler, Intellektuelle, Geschäftsleute und jene, die einfach der bürgerlichen Enge ihrer Wohnungen entkommen wollten. Diese einzigartige Atmosphäre zog auch viele bildende Künstler an, die das Wiener Kaffeehaus nicht nur als Ort des Schaffens, sondern auch als Sujet entdeckten.

Das Kaffeehaus als Spiegel bürgerlicher Lebenswelt

In der Biedermeierzeit – jener Phase zwischen dem Wiener Kongress und der Märzrevolution 1848 – etablierten sich die Kaffeehäuser als gesellschaftliche Rückzugsorte. Sie boten einen halböffentlichen Raum, in dem Diskussionen erlaubt waren, solange sie nicht politisch wurden. In dieser Ära fand die Darstellung von Innenräumen, Gesellschaftsszenen und häuslicher Ruhe Eingang in die Malerei.

Malerei des frühen 19. Jahrhunderts griff zunehmend auf Darstellungen des städtischen Lebens zurück. Szenen aus Cafés, Spielsalons oder Lesezimmern erschienen in Radierungen, Aquarellen und frühen Ölstudien. Dabei ging es oft nicht um große Ereignisse, sondern um das Alltägliche: ein Herr mit Zeitung, ein Student mit Buch, eine Verkäuferin bei einer Tasse Mokka.

Das Café als Bühne der Intellektuellen

Mit dem Aufkommen des Liberalismus ab den 1860er-Jahren wandelte sich auch die Atmosphäre der Kaffeehäuser. Die Wiener Ringstraße wurde gebaut, neue Kaffeehäuser entstanden im Umfeld der kulturellen Institutionen. Künstler begannen, diese Orte als Bühne für das intellektuelle Leben zu begreifen – und genau dies spiegelt sich in vielen Arbeiten dieser Zeit wider.

Historienmaler wie Hans Makart hielten sich in bekannten Kaffeehäusern auf, ebenso wie junge Künstler der Akademie, die dort Skizzen machten oder diskutierten. In den Werken jener Generation – vor allem in kleinformatigen Genrebildern – tauchen immer wieder Cafészenerien auf. Die Motive reichen von geselligen Runden bis zu Momenten stiller Kontemplation.

 

Künstler Gäste Kaffeehäuser

 

Visuelle Chroniken der Großstadt

Die wachsende Stadt Wien veränderte das Leben und die Kunst. Viele Maler reagierten mit neuen Motiven: Straßenszenen, Märkte, Theater – und eben auch Kaffeehäuser. Künstler wie Rudolf von Alt hielten Wiener Interieurs in Aquarellen fest, darunter auch Caféansichten. Seine Arbeiten zeichnen sich durch ein feines Gespür für Atmosphäre und Materialität aus: polierte Tische, Spiegelungen, Licht- und Schattenspiele.

Die Kaffeehäuser wurden nicht idealisiert dargestellt, sondern als reale, lebendige Orte. Im Gegensatz zur Historienmalerei, die Monumentales bevorzugte, rückte hier das Unscheinbare ins Zentrum. Gerade das machte diese Werke so aussagekräftig: Sie zeigten, wie Menschen lebten, dachten, sich begegneten.

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Künstlerzirkel und Kaffeehausszenen

Einige Cafés entwickelten sich zu regelrechten Künstlerkolonien. Das Café Griensteidl oder später das Café Central waren dafür bekannt, dass sich dort Dichter, Maler, Architekten und Journalisten trafen. Nicht selten entstanden Skizzen auf Servietten oder losem Papier, die später zu größeren Werken führten.

Porträts dieser Künstler, oft in ihrer Kaffeehausumgebung, sind erhalten geblieben. Die Verbindung von Mensch und Raum ist dabei zentral: Der Gast wird nicht losgelöst gezeigt, sondern im Dialog mit seinem Umfeld. Diese Art der Darstellung vermittelt Nähe und dokumentiert zugleich einen bestimmten sozialen Typus.

Symbolik und subtile Erzählungen

Im späten 19. Jahrhundert, als der Jugendstil und die Wiener Secession neue Wege beschritten, wurde auch das Kaffeehaus in der Kunst weitergedacht. Es erschien nun nicht mehr nur als realistisches Abbild, sondern auch als symbolischer Raum. Das Kaffeehaus wurde zur Metapher für den Zustand der Moderne: Überreizt, intellektuell, manchmal vereinsamt.

In Werken von Künstlern wie Carl Moll oder später Egon Schiele finden sich Innenräume, die auf Kaffeehäuser verweisen, aber zunehmend abstrahiert werden. Der Blick auf die Gäste wird intimer, die Farbgebung expressiver, das Setting weniger beschreibend als deutend. Die psychologische Tiefe tritt an die Stelle der topografischen Genauigkeit.

 

Subtile Erzählungen Malerei

 

Erbe und Weiterwirken

Auch wenn viele der klassischen Wiener Kaffeehäuser in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr existieren, leben sie in den Bildern des 19. Jahrhunderts weiter. Diese Werke sind nicht nur kunsthistorisch relevant, sondern auch kulturgeschichtliche Zeugnisse. Sie zeigen, wie sich ein urbaner Raum zu einem kulturellen Resonanzboden entwickelt hat – und wie Malerei diesen Wandel begleitet, reflektiert und dokumentiert hat.

Fazit: Zwischen Bohème und Bürgertum – das Kaffeehaus in der Malerei des 19. Jahrhunderts

Die Wiener Kaffeehäuser dienten im 19. Jahrhundert nicht nur als Treffpunkt, sondern auch als Motiv – für intime Studien, gesellschaftliche Porträts und symbolhafte Darstellungen. Künstler fanden hier eine inspirierende Mischung aus Ruhe, Austausch und Beobachtung. Ihre Werke erlauben es uns heute, einen Blick in eine vergangene Welt zu werfen, in der Kunst und Alltag untrennbar miteinander verwoben waren.

Diese Gemälde und Zeichnungen machen das Kaffeehaus zu mehr als einem Ort: Sie machen es zum Ausdruck eines kulturellen Selbstverständnisses – das sich in Szene setzt, reflektiert, dokumentiert und weiterwirkt.

Verwendete Fotos:
1. Wiener Kaffeehäuser in der Kunst des 19. Jahrhunderts. Foto von The Cleveland Museum of Art auf Unsplash
2. Künstler Gäste Kaffeehäuser. https://unsplash.com/de/fotos/1I6wurwFT04
3. Subtile Erzählungen Malerei. https://unsplash.com/de/fotos/UsXpdnCHXwQ